Aktuelles

17.05.2022 / Aktuelles

Vorgestellt: Spielzeit 2022/23

Oliver Weder, Michael Kliefert, Steffen Mensching, Jörg Reichl, Mathias Moersch, Andreas Appelt, Jan Weyh

Wir haben heute unseren Spielplan für die Saison 2022/23 veröffentlicht! Mit 23 Premieren von Schauspiel über Oper, Junges Theater bis hin zu Ballett sowie zahlreichen Konzerten wollen wir nach zwei ausgebremsten Corona-Jahren wieder in die Vollen gehen. Der thematische Schwerpunkt liegt diesmal auf der Uraufführung des viel gepriesenen Deutschlandromans »Herscht 07769« von László Krasznahorkai, der in Thüringen spielt und auf den ersten Blick Unvereinbares wie Angela Merkel, Johann Sebastian Bach, Neonazis, Wölfe und die Auslöschung der Welt miteinander verbindet, gab Intendant Steffen Mensching heute bekannt.

Die Saison 2022/23 steht unter dem ambivalenten Motto des Hauspatrons Friedrich Schiller: »Ich bin mein Himmel und meine Hölle«. »Es gibt nicht nur die grauenvollen Schlachtfelder des Krieges, sondern auch die abgründigen Schlachtfelder im Inneren des Menschen. Von ihnen handelt das Theater seit Urzeiten«, begründete Kliefert die Wahl. »Das Motto trifft zudem genau den Kern unserer brisanten Uraufführung, bei der sich die Hauptfigur Florian Herscht von einem friedliebenden Kindsmann in einen Racheengel verwandelt«. Dennoch wird die neue Spielzeit auch viel Komödiantisches im Gepäck haben und Menschen in den Mittelpunkt stellen, die versuchen den Bedrückungen des Lebens beherzt und mit wachem Sinn entgegenzutreten.

Die großen Schauspiel-Premieren im Stadthaus starten mit »Mein Freund Harvey« (17.09.2022, Regie: Herbert Olschok), einem liebenswerten Broadway-Klassiker aus den 1950er Jahren von Mary Chase. Elwood P. Dowd zieht darin mit seinem unsichtbaren Freund, einem übergroßen weißen Hasen namens Harvey, durch die Kneipen und verbreitet Frohsinn und menschliche Wärme. Doch wie viel Verrücktheit kann eine Gesellschaft vertragen, und was ist eigentlich verrückt, fragt das Stück. In der Komödie »Die Studentin und Monsieur Henri« (08.10.2022, Regie: Herbert Olschok) von Ivan Calbérac verläuft nicht alles nach Plan. Der griesgrämige Witwer Henri will seinen Sohn mit der attraktiven Studentin Constance verkuppeln. Aber am Ende kommt doch alles anders. Unter dem Titel »Frühstück bei Monsieur Henri« wurde die charmante Familiengeschichte im Jahr 2015 erfolgreich verfilmt. Im November feiert dann die Theater-Adaption von »Herscht 07769« (26.11.2022, Regie: Alejandro Quintana) seine Uraufführung. Mit sprachlichem Witz, Sarkasmus und detaillierter Thüringer Ortskenntnis gelingt dem renommierten ungarischen Autor László Krasznahorkai in seinem Roman eine bestechende und zunehmend phantastische Beschreibung des Lebens in einer fiktiven ostdeutschen Kleinstadt namens Kana, unweit von Rudolstadt gelegen. Protagonist ist der naive wie überaus kräftige Florian Herscht. Seine Sorge gilt dem Verschwinden des Universums im Nichts. Aber statt als ein großer Knall im Kosmos kommt die Gefahr für Leib und Leben aus unmittelbarer Nähe. Florian nimmt den Kampf auf, um der Welt das Böse und das Chaos auszutreiben. Die Musik von Bach mit ihrer Schönheit und Klarheit hilft ihm dabei. »Wir empfinden es als große Auszeichnung, die Uraufführung dieses bedeutenden Gegenwartsromans unter mehreren Mitbewerbern nach Rudolstadt geholt zu haben», betonte Chefdramaturg Kliefert. «Auch erhoffen wir uns durch die opulente Inszenierung eine große Aufmerksamkeit in den Medien und bei den politisch interessierten Zuschauern.«

Als nächste Premiere folgt die Bühnen-Adaption von vier Folgen der beliebten TV-Serie »Der Tatortreiniger« (28.01.2023, Regie: Markus Fennert) von Mizzi Meyer. »Mit diesem populären Format wollen wir die von TV-Serien verwöhnten Zuschauer wieder zum Gang ins  Theater verführen«, so Kliefert. »Die kammerspielartigen Einakter haben einen großen Reiz, da sie stets relevante Alltagshemen humorvoll verhandeln.« Als Tatortreiniger wird »Schotty« auch in Rudolstadt die traurigen Überreste schwerer Verbrechen beseitigen und dabei auf seine lakonische wie lebensbejahende Art den Betroffenen sein Ohr und seinen gesunden Menschenverstand leihen. Die Salonorchester-Revue »Liebe hin, Liebe her« (17.02.2023, Szenische Einrichtung: Michael Kliefert/Steffen Mensching), ein Gemeinschaftsprojekt von Schauspiel und Thüringer Symphonikern, widmet sich dem schier unendlichen Fundus an traurigen Lovestorys, komischen Liebesbeweisen, unsterblichen Pop-Songs, Schlagern und Chansons. Eines der berühmtesten Liebespaare wird zur letzten Schauspiel-Premiere im Stadthaus die Bühne betreten: »Romeo und Julia« (25.03.2023, Regie: Kathrin Brune). In den gewaltsamen Konflikt der Elternhäuser gedrängt, zeigt sich ihre kompromisslose Liebe als Akt des Widerstands und gelebte Revolte. Shakespeares erste große Tragödie ist ein Meisterwerk der lyrischen Theaterkunst.

Das Sommertheater-Open-Air auf der Heidecksburg lüftet »Das Geheimnis der drei Tenöre« (16.06.2023, Regie: Philippe Besson). Opernhafte Eifersuchtsfälle, kuriose Wendungen und ein liebevoll-ironischer Blick hinter die Kulissen sind das Markenzeichen dieses nächsten Sommertheaters, das sowohl Schauspiel- als auch Opernfreunde in seinen Bann ziehen will.

Das Musiktheater kommt auch in der neuen Spielzeit dank einiger Kooperationspartner nach Rudolstadt und Saalfeld. Mozarts Oper »Così fan tutte« (22.10.2022, Inszenierung: Matthias Kitter) ist eine Parabel über die Liebe und ihre Verletzlichkeit, über menschliche Beziehungen und ihre Veränderungen. Einen musikalischen Kontrast beschert »Die lustige Witwe« (15.04.2023, Inszenierung: Maria Riccarda Wesseling) von Franz Lehár. Mit ihren unzähligen Ohrwürmern wie dem »Vilja-Lied« oder »Lippen schweigen« hat die Operette bis heute nichts an Anziehungskraft eingebüßt. Beide Premieren finden als halbszenische Aufführungen in Kooperation mit dem Theater Nordhausen statt. Ebenfalls aus Nordhausen kommt die Ballett-Premiere »Die Winterreise oder Stationen einer Flucht« (07.01.2023, Choreografie: Ivan Alboresi) mit Musik von Franz Schubert und Davidson Jaconello. Ballettdirektor Ivan Alboresi überführt das seelische Erleben der einzelnen Lieder des berühmten Zyklus‘ in bewegte Bilder mit intimen Choreografien, die zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben anregen sollen. Zusammen mit der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« Leipzig, die sich neuerdings als feste Kooperationspartnerin etabliert hat, wird Carl Orffs Oper »Die Kluge« (04.03.2023, Inszenierung: Tilman aus dem Siepen) erklingen. Zur Urraufführung 1943 gelang es dem Komponisten, im Gewand des grimmschen Märchenstoffes über die kluge Bauerntochter subversive Sätze wie »Wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, beugt es auch, denn überall herrscht Gewalt« unterzubringen.

Im Schminkkasten entwirft die Komödie »Fehler im System« (24.09.2022, Regie: Esther Undisz) von Folke Braband eine humorvolle Vision eines Alltags, in dem KI und Robotertechnik die Traumfrau oder den Traummann ersetzen. Zur Vorweihnachtszeit stimmt »Die Nacht der Nächte« (01.12.2022, Szenische Einrichtung: Katja Stoppa), ein literarisch-musikalisches Programm, auf die Festtage ein. In der Reihe der großen deutschen Komödianten bekommt anlässlich seines 100. Geburtstages kein Geringerer als Loriot einen eigenen Abend: »Das Ei ist hart« (29.4.2023, Regie: Mario Holetzeck).

Die Konzertsaison reizt erneut die Grenzen klassischer Musik aus. In der Sinfoniekonzertreihe vereinen die Thüringer Symphoniker und Chefdirigent Oliver Weder Gegensätzliches wie die Tangotänzerin Christiane Palha, ein Gedenkkonzert zum Totensonntag oder ein Defilee junger Dirigiertalente des Deutschen Musikrates miteinander. Programmatisch harmoniert das 4. Sinfoniekonzert mit der Schauspiel-Premiere von »Romeo und Julia«.  Im 5. Sinfoniekonzert werden Jugendliche ihr selbst komponiertes »Minimal-Music«-Werk, das zuvor in einem Ferienworkshop erarbeitet wurde, zur Aufführung bringen. Mit namhaften Solisten wie der Geigerin Ervis Gega, Joel von Lerber an der Harfe oder Alexander Schimpf, Klavier, begegnen dem Publikum bereits liebgewonnene Bekannte. Die Schlosskonzerte im Rokokosaal der Heidecksburg und in der Schlosskapelle Saalfeld bieten neuen Orchestermitgliedern eine solistische Bühne. Beim Weihnachtskonzert blicken die Thüringer Symphoniker auf »Weihnachten in Versailles«, und das Silvesterkonzert in der Stadthalle Bad Blankeburg feiern sie mit »Sissy in Budapest«.

Das Junge Theater und Konzert bringt vor allem Kindern ab 10 Jahren ein üppiges Programm. Die Gastspiele des Landestheaters Eisenach werden im theater tumult und im Stadthaus zu erleben sein. Mit »All das Schöne« (12.10.2022, Regie: Linda Ghandour) von Duncan Macmillan, »Krabat« (24.02.2023, Regie: Jule Kracht) nach Otfried Preußler, »Die Leiden des jungen W.« (10.05.2023, Regie: Juliane Kann) von Ulrich Plenzdorf und nicht zuletzt mit »Bromance« (23.05.2023, Regie: Klaus Köhler) ist das Angebot für diese Altersgruppe in der kommenden Spielzeit besonders groß aufgestellt. Kinder ab drei Jahren können mit dem Kinderliederkonzert »Allerlei Gefieder« (20.09.2022) von und mit Ingo Lößer und »Unterm Kindergarten« (25.01.2023, Regie: Christoph Macha) von Eirik Fauske erste Theatererfahrungen sammeln. Als Weihnachtsmärchen wird erneut »Rumpelstilzchen« (04.11.2022, Regie: Kristine Stahl) für Kinder ab fünf Jahren zu sehen sein, da im letzten Jahr zahlreiche Aufführungen aufgrund der Pandemie ausfallen mussten. Wieder gezeigt für diese Altersgruppe wird ebenfalls »Die Moldau – Herr Smetana und der kleine Mann im Ohr« (04.05.2023) als Theaterkonzert mit Puppenspiel und Live-Orchester, eine Kooperation mit Peter Lutz und TheaterFusion, Berlin. Mit Sonderlingen in der Gesellschaft beschäftigt sich der TheaterJugendClub in seinem neuen Stück »Eulenspiegeleien« (27.04.2023, Regie: Friederike Dumke).

Noch mehr Infos gesucht? HIER kommen Sie zur Premieren- und Konzertübersicht.


27.04.2022 / Theaterförderverein

Dr. Thomas Krönert einstimmig an die Spitze des Theaerfördervereins Rudolstadt gewählt

Der neue Vorsitzende, Dr. Thomas Krönert.

Auf der Mitgliederversammlung des Fördervereins Theater Rudolstadt e. V. am 26.04.22 haben die Anwesenden einen neuen Vereinsvorsitzenden gewählt. Alle 53 Stimmberechtigten votierten für Dr. Thomas Krönert. Das war auch der Vorschlag des Vorstandes.

Der 54-jährige Chirurg ist Geschäftsführer der  Thüringen-Kliniken »Georgius Agricola« und tritt damit die Nachfolge von Matthias Biskupek an. Der war im April 2021 verstorben und stand seit der Gründung am 19.10.2006 an der Spitze des Vereins. Krönert, gebürtiger Sachse, wohnt seit 15 Jahren in Rudolstadt. In seinen kurzen Schlussbemerkungen sagte er, dass die Fußtapfen von Matthias Biskupek riesengroß seien. Aber er werde sein Bestes geben und für die Kultur im Land und der Region kämpfen.

Der Theaterförderverein ist mit aktuell 230 Mitgliedern, davon 13 juristischen Personen, der größte Kulturverein des Landkreises.

Nach dem Bericht des Vorstandes an die Mitglieder stellten Intendant und Geschäftsführer Steffen Mensching, Chefdramaturg Michael Kliefert und Chefdirigent Oliver Weder den Spiel – und Konzertplan 2022/23 vor. Die Vereinsmitglieder kamen somit noch vor den Medien in den Genuss der Informationen. Mensching betonte unter anderem, dass die Kontakte zwischen Theater und Förderverein gestärkt werden müssten und der kulturelle Zusammenhalt in der Gesellschaft auch angesichts von Publikumsverlusten in allen deutschen Theatern wichtiger denn je sei.

Mit großem Interesse wurden auch die Mitteilungen von Mensching zum Stand der Baumaßnahme aufgenommen. Geplant sei, so der Intendant, dass der Rohbau bis August/September 2022 stehe, danach der Innenausbau beginne und man hoffe, dass das Haus im September 2023 wieder eröffnet werde.

Der Kassenbericht, den Schatzmeister Dr. Hartmut Franz vortrug, fand bei den Kassenprüfern Zustimmung. So war der Weg frei für die Entlastung des Vorstandes.

In der Aussprache nutzten Vereinsmitglieder die Möglichkeit zu Fragen, Hinweisen, Vorschlägen und zu Kritiken.

Nach der Wahl stimmte das Gremium noch einem Vorschlag des Vorstandes zur Beitragsordnung zu. Danach sollen Schüler, Studenten und Auszubildende künftig nur einen symbolischen Preis von 1 Euro pro Jahr bezahlen. Damit wolle man junge Leute für den Verein gewinnen. Auch dieser Antrag wurde einstimmig beschieden.

Hartmut Gerlach


01.04.2022 / Aktuelles

Rede von Friedrich Dieckmann zur Verleihung des Berliner Literaturpreises an Steffen Mensching

Ein Berliner erhält den Berliner Literaturpreis, das ist, wenn man auf die lange Reihe der Preisträger blickt, keine Selbstverständlichkeit, es ist geradezu eine Sensation. Man könnte Steffen Mensching sogar einen Urberliner nennen, nicht nur im genetischen, sondern im intellektuellen und charakterologischen Sinn. Er versammelt alle Eigenschaften, die den echten, den exemplarischen Berliner seit alters kennzeichnen, er ist trocken, fix, witzig, herzlich, unsentimental, gesprächsfreudig, sofern es übers Palaver hinausgeht, wirkungsbewußt, aber keineswegs selbstverliebt, zupackend, unmittelbar, kein Esoteriker.

In der Pandemiezeit fanden wir uns in einem Dresdner Hotel einmal mit andern zu einer Sitzung auf einen Saal verwiesen, in dem zwischen den Teilnehmern Abstände von mindestens drei Metern gelassen waren. Er sah’s und legte sogleich Hand an, Tische und Stühle in einer Weise zusammenrückend, dass binnen Kurzem, bei aller Hygieneregelung, ein demokratischer Raum hergestellt war. Demokratische Räume herzustellen – das war sein Antrieb, sein Anliegen von Jugend an und unter den verschiedensten Verhältnissen.

»Wir stehn starr / Und singen vom Frieden«

Literarisch gesehen kann man ihn weder der Berliner Klassik zurechnen, die ohnehin ein ziemlich künstliches Phänomen ist, noch der Berliner Romantik. Anders steht es mit der Berliner Aufklärung, die wir mit Namen wie Lessing, der aus Kamenz kam, und Moses Mendelssohn, Einwanderer aus Dessau, verbinden, mit dem beredten Nicolai und den Herren Gedike und Biester, Editoren der »Berlinischen Monatsschrift«, Immanuel Kant nicht zu vergessen, diesen Ehrenbürger der Berliner Aufklärung im fernen Königsberg. Und Heinrich Heine schon gar nicht, den Protagonisten einer aufklärerischen Romantik; Mensching ist ihm, auch in vielen seiner Gedichte, besonders nahe.

Was ihn, dieses aufklärerisch-widerständige Temperament par excellence, von allen diesen unterscheidet, ist das komödische Element, das sich auf denkwürdige Weise Bahn brach, als er 24-jährig zu einem Ensemble, einer Sing- und Spielgemeinschaft stieß, die sich den Namen Karls Enkel gegeben hatte, und nicht nur im Andenken an Karl Marx: Der andere Karl, auf den sich die Enkel bezogen, war Karl Valentin. Mensching studierte damals Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität. Es dauerte nicht lang und er bildete mit dem Gründer der Truppe, dem drei Jahre älteren Hans-Eckhardt Wenzel, ein Duo, das sie nach ihren Anfangsbuchstaben Weh und Meh nannten und ins Clowneske transponierten, was schon durch den Unterschied der Statur zur Heiterkeit reizte, zwei Weißclowns, die bald mit Dialogen, Liedern und Gedichten auszogen, die Republik aufzumischen. Für einen Studenten der Kulturwissenschaften waren das ziemlich aufwendige Nebenarbeiten, sodass Mensching an der Humboldt-Universität 1984 ins Fernstudium überwechselte; mit seiner Diplomarbeit machte er es sich nicht eben bequem: Sie galt Walter Benjamins »Passagen-Werk«.

Zu dieser Zeit hatte er bereits drei Gedichtbände vorgelegt. Das junge Talent war 21 Jahre alt, als er in »Poesiealbum 146« ans Licht der Öffentlichkeit trat, dem 90 Pfennig teuren und 32 Seiten starken Heft einer Reihe, die Bernd Jentzsch im FDJ-Verlag Neues Leben gegründet hatte; Richard Pietraß war sein Nachfolger geworden. Wer dort aufgenommen wurde, hatte den Ritterschlag der Poesie erhalten. Ein Gedicht dieses Bandes heißt »Lied für meine Freunde« und beginnt mit den Zeilen: »Wir stehn starr / Und singen vom Frieden, / Wir schreiben Gedichte / Gegen den Krieg, / Den wir nicht kennen«. Was sich zehn Jahre später wie ein Wunder begab, das kampflose Zurückweichen einer Weltmacht, die darauf hoffen konnte, Zugang in das europäische Haus zu finden, das sie andern öffnete, schlägt dreißig Jahre später ins Gegenteil um, in einer Weise, dass den Bewohnern dieses Hauses, zu dem nicht alle zugelassen wurden, die mit Fleiß verspielte Friedensdividende in Gestalt von Teuerung und Mangel, andern aber Bomben und Granaten um die Ohren fliegen, unter den flammenden Reden vieler erwachender Schläfer, die sich in einem Reich des Friedens zu befinden geglaubt hatten.

Weltverzweiflung ist das Vorrecht des Dichters

Menschings neuere Lyrik hat die Verbesserungsträume hinter sich gelassen. »Wo liegt die Insel, die unser Leben / ändert?«, fragt er in seinem neuesten Lyrikband – er heißt »In der Brandung des Traums« und ist der siebte seines Dichterlebens – und fährt fort: »Die Zeile brannte sich / in dein Gedächtnis, leider ging der Rest / des Gedichtes verloren.« Er sucht nicht die Insel, er sucht nur nach diesem Fragesatz und wird nirgendwo fündig: »Acht Worte, / die wie eine Tonne, eine Planke / aus Ahorn oder ein Rettungsring / zwischen Wellenberg und Wellental auftauchten / und dann uneinholbar verschwanden.«

Weltverzweiflung ist das Vorrecht des Dichters; der Politiker kann sie sich keinesfalls leisten, er muss sie für einen Luxus halten. Jeder Staat ist eine real existierende Insel im Weltmeer der Geschichte, er beruht darauf, dass er Grenzen hat, auch wenn die Schlagbäume weggeräumt sind, und Bürger, denen seine Gesetze gelten. Auch Mensching haust auf einer real existierenden Insel und baut sie seit vierzig Jahren lustvoll-verzweifelt aus, die Insel der Bühne, die Insel der Literatur. Seine Lyrik ist von der schwingenden Nüchternheit, die Bertolt Brecht die deutsche Dichtung gelehrt hat, es ist in vieler Hinsicht eine erzählende Lyrik, Erfahrungen des Alltags, aber auch Kunsterfahrungen zu Sinnbildern verdichtend.

Es ist Mensching wie vielen deutschen Poeten gegangen: Auf die Dichtung folgte die Prosa, die ihren eigenen Rhythmus hat; die menschingsche hat ihn in hohem Maß. Der 30-Jährige ging, während er noch mit Wenzel weiß geschminkt durch die Lande tourte, an die Niederschrift seines ersten Romans, eines fantastischen Agentenromans, der von der Wende nichts wissen konnte, aber sie in seinem Innern trug. Auch sein zweiter Roman, zwölf Jahre später erschienen, griff geografisch weit aus; er war die Frucht eines New-York-Aufenthalts im Jahre 1998, der ihm durch die Begegnung mit vielen Emigranten, darunter einem Bibliothekar, der ihm viertausend Bände deutscher Exilliteratur offerierte, zur Entdeckungsreise in die deutsche Vergangenheit wurde. Ebendies ließ er dem Ich-Erzähler seines Buches widerfahren, das »Jacobs Leiter« heißt und die Leiter jenes Bücherfreunds meint, der ihm das Herzstück seiner Sammlung aufhalste. »Muss man viertausend Bücher kaufen, um eines schreiben zu können?«, fragte Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung nach dem Erscheinen des Buches und gab die Antwort gleich mit: »Unbedingt.«

Das Buch, im Aufbau-Verlag erschienen, wurde gewürdigt, und der Autor war nun prosaisch am Zuge. Das Schiller-Jahr 2005 dämmerte herauf, deutschlandweit wurde an Schiller-Biografien gearbeitet, und dies tat auch der Held von Menschings drittem Roman, der Ernst Lustig heißt und damit, im Anschluss an einen Schiller-Vers, auch die Doppelnatur seines Autors offenlegt. Was diesen Ernst Lustig von andern Schiller-Biografen unterscheidet, ist, dass er an seinem Vorhaben scheitert, auch, als er sich in der Wohnung eines abwesenden Freundes in einer Einsamkeit vergräbt, die jeden Kontakt zur Außenwelt aufgibt, abgesehen von dem vietnamesischen Fahrradboten, der ihm die tägliche Pizza durch den Türspalt reicht. Menschings Flucht-Roman operiert mit fantastischen Einfällen und leistet sich zum Schluss einen kolportagehaften Blick in das Luxusleben der Marktschreier; dennoch ist dieses Buch ein Wurf. Es ist im Hier und Jetzt seines Autors angesiedelt und stattet die Verzweiflung seines Ich-Erzählers mit einer Schärfe des Blicks, einer Leichtigkeit der Diktion aus, die es zu einem überzeugenden Zeitbild machen.

Auf den Wurf folgte ein Buch, das Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung »eine Wucht von einem Roman« nannte: »Schermanns Augen«. Das ist ein Lager-, ein Gulagroman mit einer deutschen und einer deutsch-polnisch-jüdischen Hauptfigur, die im fernen Sibirien unter Umständen, die man unbeschreiblich nennen müsste, wenn der Autor sie nicht gerade akribisch beschriebe, in eine Überlebenssymbiose eintreten. Menschings Vorarbeiten zu dem Buch hatten bald nach »Lustigs Flucht« begonnen; sein Interesse an Maria Osten, der in Moskau lebenden deutschen Autorin, die sich all ihren Freunden durch Charme und Engagement eingeprägt hatte, ehe sie in die Hände von Stalins Henkern fiel, wurde zum Quellpunkt einer Ergründung des Sowjetexils deutscher Kommunisten und der Orte ihrer Verbannung und Gefangenschaft. Sie verknüpfte sich im Lauf der Arbeit mit einer Figur, die Mensching bei seinen New Yorker Antiquariatserkundungen ins Auge gefallen war: der des Grafologen Rafael Schermann, der im Wien der 20er- und 30er-Jahre durch eine Art prognostischer Grafologie in den Geruch eines Hellsehers gekommen war, den auch Karl Kraus und Adolf Loos konsultiert hatten.

»Schermanns Augen«: Sein Hauptwerk

Man kann sich den Fleiß, die archivalische Forschungslust dieses Romanciers, der die unerschöpfliche Fundgrube des Internets zu nutzen wusste, aber auch physisch präsent in Berliner und Wiener Archiven arbeitete, nicht groß genug vorstellen. Aber wie bildet sich ein solches Großwerk neben einer umfassenden betrieblichen Leitungstätigkeit? Mensching hatte mit der Niederschrift des Buches begonnen, als er 2008 in New York die Nachricht erhielt, dass seine Bewerbung für den Intendantenposten im südthüringischen Rudolstadt erfolgreich sei; er übernahm die Direktion eines Theaters mit mehreren Spielstätten in einer alten Kulturstadt, der Schiller, der hier gewissermaßen einheiratete, ein besonderes Glanzlicht aufgesetzt hatte.

Fragt man ihn nach der Vereinbarkeit von Roman und Theaterdirektion, so erklärt er, dass er »Schermanns Augen« unter dem Termindruck eines freischaffenden Autors, der ja faktisch ein Verlagsangestellter ist, gar nicht hätte schreiben können. Die ein bis zwei Stunden aber, die eine hilfreiche Sekretärin ihm täglich fürs Schreiben freigestellt habe, seien dem Buch kompositorisch zugutegekommen, indem sie ihm die Anlage geschlossener Abschnitte vorgegeben hätten. Sie sind das Strukturelement des Romans, eine avancierte Disposition, die das Lesen umso weniger erleichtert, als es innerhalb dieser Einheiten, die keine Kapitel sind und etwa vier bis sieben Druckseiten umfassen, weder Absätze gibt noch eine Kennzeichnung von Rede und Widerrede der Figuren: Der Leser muss selbst erfassen, wer gerade spricht. Aber er liest sich ein und überlässt sich dem dichten Strom eines assoziativ beflügelten Erzählens, das die Leidensgefährten dieses Lagerlebens im täglichen Überlebenskampf von einer bizarren Situation zur andern führt.

»Schermanns Augen« ist das Chef d’Œuvre seines Autors; die Kritik stellte das Buch an die Seite von Peter Weiss’ ausgreifender »Ästhetik des Widerstands«, auch und vor allem Dostojewski ist nahe. Das vielfach gewürdigte Buch steht auch im Zentrum des heute zu verleihenden Literaturpreises, der nach den Verwirrungen seiner Gründerzeit seit 2005 für literarische Gesamtwerke verliehen wird, kein Buch-, sondern ein Autorenpreis. Ich gratuliere Steffen Mensching zum Berliner Literaturpreis!

Gekürzte Fassung der Rede, die Friedrich Dieckmann am 30. März im Großen Festsaal des Roten Rathauses hielt.